Getroffen 

Manchmal treffen einen Worte mitten ins Herz. Genau dorthin, wo es so richtig richtig weh tun. 

…Menschen, die einem etwas bedeuten, tun einem besonders weh…

Ja, die Rasierklingen sind bestellt. Ein Teil von mir, der Seelenkrebs, ich vielleicht doch selbst – ich weiß nicht wem ich die Schuld für diese Bestellung geben soll. Denn irgendwie habe ich sie ja doch bewusst getan. Also muss ICH es gewollt haben. Welche Umstände auch dazu beigetragen haben und inwieweit der Seelenkrebs da seine Finger im Spiel hatte, spielt eigentlich keine Rolle. Tatsache ist: ICH habe auf den Bestellbutton geklickt. 

Doch, wieso eigentlich? 

>>Silberlingen als Lebensretter. Wie in jeder Schlacht. <<

Ich brauche sie derzeit wieder. Ich brauche sie, um zu >>überleben<<.  Sicher, es ist eine bizarre Überlebensstrategie sich in die Haut zu schneiden. Und doch tut es so viel für einen. Positives, als auch Negatives. 

Negatives: Ich füge meiner Haut schaden zu. Und mir höchstwahrscheinlich psychischen Schaden, denn immerhin verletzte ich mich selbst. Ich füge mir selbst Schaden zu. Bewusst. Welche Grenze muss überschritten werden, damit man sich so etwas antut? Es bleiben Narben zurück. Sei dahingestellt, ob sie ein Schandfleck sind oder ein Teil der Lebensgeschichte. Jeder sieht das anders. Diese Art von Narben, zeigt den Menschen da draußen, dass wir tatsächlich krank sind. (positiv oder negativ?) 

Positiv: Ein Schnitt lässt mich wieder fühlen. Fühlen, dass ich noch am Leben bin. Ein Schnitt wirkt auf mich irgendwie befreiend. Und manchmal liebe ich auch diesen Schmerz, da ich denke, ihn verdient zu haben. Für meine Gedanken, meine Gefühle, meine Ängste… Ein Schnitt kann mich aus einem Gefühlschaos befreien. Es kann Leere verstummen/ verklingen lasssen. Ich kann den emotionalen Schmerz mit körperlichen übertrumpfen und vergessen machen. Ich kann mich strafen; ich kann mich retten. Ich kann so vieles… Das Blut kann mich selbst in den kritischsten Momenten >>zurückholen<<. Mich auf eine Weise beruhigen, wo es kein anderer schaffen würde. Immer dann, wenn ich alles fühle. Immer dann, wenn ich mich absolut hautlos fühle. Wenn die Welt über mir zusammen- und die Dunkelheit über mich hereinbricht. (…) 

>>Solange ich mich Ritze, mache ich nichts Schlimmeres.<<

Diejenigen, die meinen Blog verfolgen wissen, dass es mir wieder schlechter geht. Seit der Ausbildung. Und das ist okay. Es war vorhersehbar. (Für meine Therapeuten, meine Ärzte, für mich.) Vorbereitet ist man nie… Und natürlich setzt mein Verdrängungsmechanismus sofort wieder ein. Nur scheint er in die Jahre gekommen zu sein; Schwachstellen zu haben. Denn das Negative schwappt immer wieder über. Schafft Platz für Ängste und Panikattacken; Suizidgedanken; eine Essstörung; den Drang sich verletzen zu wollen; etc. Somit kommt alles zurück… Und ich kann es nicht weiter von mir fern halten. 

>>Wenn Worte messerscharf sind, wie Rasierklingen.<<

 Heute hat mich jemand wirklich getroffen. Mit seinen Worten, seinen Vorstellungen. 

Dieser jemand ist wütend auf mich. Ich habe die Rasierklingen bestellt, diesen jemand darüber aber nicht in Kenntnis gesetzt. Außerdem ist es für jemanden ein immenser Trigger. 

A) Der Ton mach die Musik. Oder, die Wortwahl ist darüber entschiedend, wie der Gegenüber es auffasst. >>Zu 100% eine scheiß Idee<< klingt abwertend und angreifend. Es ist ja auch nicht so, als wenn ich nicht wüsste, was ich mir da antue. Ich weiß, dass es (eigentlich) nicht gut ist. Das habe ich in meiner Verhaltenstherapie gelernt. Es ist aber leider grade notwendig! 

B) Wenn man sich Sorgen um jemanden macht, geht man behutsam und einfühlsam auf ihn zu. Man spricht über seine Gefühle; sagt, wie man über diese Situation denkt. Doch man verpackt es >>nett<<. 

C) Wenn ich diese Person triggere, weil ich zu wenig esse und sie damit unter Druck setze wegen ihrer Essstörung oder ich mich ritze oder meine Gedanken hier in meinem Blog festhalte, soll ich mich da tatsächlich komplett zurücknehmen? Ist es nicht viel eher die Sache der Person, sich in gewissem Maße zu schützen, indem sie vielleicht gewisse Beiträge nicht liest? Es ist mein Blog, mein Stück Therapie – da es mir tatsächlich hilft hier einiges aufzuschreiben. Ich möchte mich hier nicht anders darstellen, so wie ich es sonst immer tue. Hier möchte ich ich sein können! 

Ich finde es schön, wenn ich Menschen so wichtig bin, dass sie sich um mich sorgen. Doch ich kann auch nicht alles abfedern oder rausfiltern. Man kann mir seine Sorgen auch mitteilen. Nur sollte man dabei auf seine Wortwahl achten. Sonst kann es passieren – so wie jetzt – dass man mich mit seinen Worten verletzt. Nehmen wir mal meine Schwester und Lia: Sie sagen, dass sie sich Gedanken machen. Sorgen, weil es mir jetzt wieder schlechter geht. Sie wollen nicht, dass ich mich selbst verletzen. Sie sagen mir, dass sie es nicht gut finden und hoffen, dass es auch anders geht. Aber sie verstehen auch, dass es gerade notwendig ist und versichern mir, dass ich es jederzeit wieder schaffe, aufzuhören. Ich habe es schon mal geschafft, monatelang durchgehalten. Dieses positive Gefühl, diesen Sieg bestärken sie. Und bieten mir an, für mich da zu sein. Mir zuzuhören, wenn ich jemanden zum Reden brauche. Hier kann ich dann auch auf ihre Sorgen eingehen und ihre Worte annehmen. Doch wenn jemand, der ebenfalls betroffen und mir wichtig ist, seine Sorgen derart blöd formuliert, dass ich sofort losheulen könnte, weil es mich ziemlich trifft, kann ich das nicht. 

 

Die Angst vor der Angst

Was bedeutet der Titel >>die Angst vor der Angst<<

Es bedeutet, dass ich Angst vor einer möglichen Panikattacke habe. Vor Versagensängsten und Selbstzweifel. Es ist die Angst davor, mich nicht unter Kontrolle zu haben. Nicht mich; nicht meine Gedanken; nicht meine Gefühle. Es ist die Angst davor, was ich mir mit den Rasierklingen (ja…ich habe sie mit einem Klick bestellt; binnen von Sekunden, um meine Spontanentscheidung nicht rückgängig machen zu können. Vielleicht hat auch eher der Seelenkrebs und der Drang zum SVV die Bestellung getätigt, als ich selbst) antun könnte. Und noch mehr die Angst davor, dass es mir wieder einmal >>gefallen<< könnte. Das ich den Schmerz mag – das Gefühl bekomme, er sei gut für mich und ich hätte ihn verdient. 

A) die Angst vor der Angst eine Panikattacke zu bekommen: Montag ist wieder Berufsschule. Letzte Woche wurde ich dank grippalem Infekt ja vor dieser Tortur bewahrt. Denn für jemanden, mit einer sozialen Angststörung/ sozialen Phobie ist es eine ziemliche Überwindung in ein Klassenzimmer zu gehen, wo 27 Leute drin sitzen, die du den ganzen Tag ertragen musst. Trotz meiner Beruhigungsmittel, macht mir diese Tatsache immer noch eine heiden Angst. Ich habe Angst, dass dieses kleine Wundermittel nicht anschlägt und ich mich dann in meine Befürchtungen reinsteigere und eine Panikattacke bekomme. Ich weiß, ziemlich absurd oder? Wo ich doch schon den Beweis hatte, dass diese kleine Pille wirkt. Zuverlässig. Und mich den Tag durchstehen lässt. Ohne durchzudrehen. 

B) die Angst vor der Angst an Selbstzweifeln und Versagensängsten kaputt zu gehen: Mir wurde gesagt, dass ich mich bereits jetzt, nach drei Wochen Arbeit – von denen ich fast eine Woche krank war, auf die Suche nach Modellen begeben soll. Es wäre an der Zeit, jetzt den ersten Haarschnitt zu machen. Was löst das natürlich in mir aus? Richtig: Angst und Panik. Irgendwie habe ich wirklich, wirklich ganz furchtbare, schreckliche Angst vor meinem ersten Männerhaarschnitt. Ich habe Angst, so viel Verantwortung zu übernehmen. Denn jemand lässt mich an seine Haare. Jemand schenkt mir so viel Vertrauen. Und es liegt in meiner Hand, die Frisur nicht zu versauen! Momentan für mich eine undenkbare und scheinbar unlösbare Herausforderung. Ich setze mich selbst glaub ich so sehr unter Druck, dass es gar kein Wunder ist, dass ich derzeit so sehr unter Panikattacken und Versagensängsten leide. (Aber was stand nochmal in meiner >>Akte<<? >>Ehrgeiz-narzistisch<<.) 

C) die Angst vor der Angst vor mir selbst: Eine Angst, die mich stets begleitet, wenn ich zur Arbeit gehe ist die, mich nicht unter Kontrolle zu haben. Ich habe Angst vor plötzlich eintretender Niedergeschlagenheit und Weinanfällen. Ich habe Angst davor, gemein und verletzend zu sein, aus purer Frustration heraus (Borderline machts möglich). Dann würden mich alle für eine entsetzliche Zicke halten… Ich habe Angst, dass ich mal auf Arbeit diesen furchtbaren Drang zum SVV verspüre. Das mir der Seelenkrebs wieder zuflüstert, ich würde nur dadurch die Kontrolle zurück erlangen. Ich wüsste wirklich nicht, was ich dann tun sollte… Ich habe täglich Angst, wieder in ein Tief abzudriften. Wieder bei jeder Kleinigkeit, die schief läuft, sterben zu wollen. Ich habe Angst, dass sich das SVV wieder so routiniert, dass ich es zB. aller zwei Wochen brauche. Und manchmal habe ich auch Angst vor meinen Gedanken. Oder davor, von meinen Gefühlen / Emotionen überschwemmt zu werden. 

D) die Angst vor der Angst, was andere über mich denken könnten:

>>Glaubst du, die Leute würden noch mit einem reden, wenn sie wüssten, wie verrückt man wirklich ist?<< (Charly – Vielleicht lieber morgen) 

Eine Frage, die auch ich mir oft stelle. Komischerweise macht es mir bei Bhatt nicht so viel aus. Bei anderen würde ich es gerne erwähnen, trau mich aber nicht, aus Angst vor ihrer Reaktion und ihren Ansichten dazu. (Würden sie mich anders behandeln, wenn sie es wüssten? Würden sie mich meiden, wie ehemalige Freunde? Würden sie tratschen? Etc.) Und dann gibt es da noch die Ruprik: Könnte es ihm /ihr niemals erzählen, aus Angst vor Stigmatisierung und aus Angst, die Person in welcher Weise auch immer verlieren zu können. (Hier führe ich mal das Beispiel >>Partnerschaft<< an. Jemanden kennenlernen und die Angst zu haben, ihn zu verlieren, wenn er alles von einem wüsste. Denn niemand, außer Betroffene selbst,  wissen wie unheimlich anstrengend und kompliziert das Leben mit psychisch Erkrankten ist.) 

Warenkorb 

Seit gestern Abend befinden sich in meinem Amazon Warenkorb Rasierklingen. 

[An Vee und Lia: keine Sorge. Sie liegen nur ein einem virtuellen Wagenkorb, irgendwo im Internet. Und das ist vorläufig okay. Ihr braucht nicht in Hysterie verfallen.]

Warum? Warum lege ich mit einem Klick Rasierklingen in meinen virtuellen  Amazon Warenkorb? Weil ich gestern Abend sterben wollte. Weil wieder mit einem mal alles so entsetzlich schlimm war, sodass ich mir die Seele aus dem Leib geweint hatte. Und sterben wollte. Noch mehr,  wollte ich mich jedoch verletzen. Und diesmal nicht nur halbherzig. Sondern so richtig. Tief, lang. Und dann dem Blut dabei zusehen, wie es an meinem Oberschenkel entlang rinnt. Ich wollte Schmerzen und ich wollte Blut. Diese klebrige Konsistenz. Warm und dick. 

Deswegen, liegen die Rasierklingen seit gestern Abend im Warenkorb. 

Ich hatte gehofft, dass die Arbeit mich ablenkt. Nur tat sie das nicht. Ich stand die ganze Zeit neben mir und es fühlte sich komisch an im Salon zu sein. Es hatte sich angefühlt, als wäre ich dort gewesen, um einen Tag lang die Abläufe im Salon zu beobachten. Still meine Meinung für mich behaltend, aber wertend. Ich hatte weder Freude an dem Tag; noch diente er als Ablenkung für meine Gefühle und Gedanken. Der Tag war insofern anstrengend, dass ich mal wieder unter Strom stand, weil ich mein Tief nicht ausleben kann. Ich muss es verdrängen, solange ich funktionieren muss… 

Wenn ich zu meiner Bahnhaltestelle laufe, gibt es da eine Brücke. Eine Brücke unter der Züge hindurch fahren. Und wie ich so auf dieser Brücke entlang lief, dachte ich mir: >>Wie es wohl ist, zu fallen…<< Bhatt lief neben mir. Somit hatte ich keine Zeit, mir Gedanken über den Aufprall zu machen. Ich lief einfach weiter. Stieg in meine Bahn ein und später wieder aus. Dann beschloss ich mir einen Döner mit viel scharfer Soße zu holen. Immerhin steht >>scharfe Soße<< ja auf der Skillsliste, die irgendwo in meiner Wohnung verstaubt. Doch als ich zur Wohnungstür herein kam, war da schon wieder die Verzweiflung und ungebändigte Wut. Ich wollte Sachen kaputt schlagen, während ich weinte. Dann dachte ich an meinen Warenkorb und war drauf und dran >>jetzt bestellen<< zu drücken. Doch da zerrte mein Kater an der Tüte, die meinen Döner verwahrte. 
Stimmt…da war ja was… 

Erst die Skills ausprobieren. Und erst, wenn das nicht hilft, zum äußersten Mittel greifen. 

Ekel 

Da ist er wieder. Der Ekel vor Essen. Als wäre er nie fort gewesen. 

Ich blicke in meinen Kühlschrank und sehe frische Himbeeren und Blaubeeren. Sofort wandert mein Blick zum Naturjoghurt. Eine göttliche Kombi. Ich stelle mir grade vor, wie ich alles mit Chiasamen und Agavendicksaft verfeinere, als mir schlagartig der Appetit vergeht. Also schnappe ich mir die angefange  Tafel Luftschokolade und stopfe missmutig die letzten beiden Reihen häppchenweise in meinen Mund. Denn es schmeckt nicht nach Schokolade, auch wenn es danach aussieht. Es schmeckt nach irgendwas und gleichzeitig nach nichts.

Kurz vor Mittag dasselbe Spiel: Kühlschranktür auf, kurz den Inhalt überfliegen und feststellen das mich nichts begeistert. Eher noch, es schreckt mich irgendwie ab, als wären die Lebensmittel verdorben. Doch ich bin immer noch ein bisschen krank (lästiger Schnupfen). Also muss ich etwas zu mir nehmen, um zu Kräften zu kommen. Hinter dem Rest von vorgestern (der wegen gefühlten Verfallsdatum sogleich in den Müll wandert), gucken mich getrocknete Tomaten eingeschweißt in einer kleinen Plastikbox an und wollen benutzt werden. Also ziehe ich sie heraus, schnappe mit Fetakäse und hole den nigelnagel neuen Mixer hervor. >>Brotaufstrich<<, schreien meine Geschmacksknospen aufgeregt, als sie sich erinnern. Es landen also getrocknete Tomaten, ein halber Feta, drei Knoblauchzehen und etwas Öl im Mixer. Und beobachte ich den Zerkleinerungsprozess. Ich freue mich richtig auf das Endergebnis. Es ist ein Rezept meiner Schwester und ich erinnere mich, wie ich es zum ersten Mal gekostet und für mehr als gut empfunden habe. Wenn das nicht meinen Appetit anregt… Es war unglaublich, wie schnell meine Freude verflogen war, als ich den Brotaufstrich / das Pesto in so ein kleines Dönerbrot (was ich im Rewe erstanden hatte) gefüllt und ich Häppchen geschnitten hatte. Da war sie: eine fertige Mahlzeit, eigens für mich zubereitet. Und sofort widerstebte alles in mir, diese Mahlzeit zu mir zu nehmen. Ich aß, als kaute ich auf einem alten harten Ränftel Brot herum. Das einzig positive war, dass der Geschmack meines ach so geliebten Brotaufstrichs präsent war. Er hatte sich zum Glück nicht verändert. Dennoch wollte ich, bzw ein Teil von mir keine Nahrung aufnehmen. Ich musste mich also wieder einmal zwingen aufzuessen. Und kurz, ganz kurz, überlegte ich nach dem der Teller leer war, ob ich es nicht wieder hoch würgen sollte. Einfach aus diesem Ekelgefühl heraus. 

Ich hatte mit Lia heute darüber gesprochen. Über meine undefinierte Essstörung. Sie hatte mich gefragt, wie lange ich diesen Ekel schon habe. Seit letztem Jahr auf jeden Fall, gab ich zur Antwort. Doch wenn ich jetzt so darüber nachdenken, fällt mir ein, dass es mir zum ersten Mal aufgefallen ist, nachdem ich Mirtazapin abgesetzt hatte. Das war Ende 2015. Bei Mirtazapin hatte ich ständig Hunger und richtige Fressflashs. Mir war schlecht, wenn ich eine halbe Stunde mal nichts gegessen hatte. Also musste ich eigentlich immer irgendetwas essen. Oder wenigstens kauen (Kaugummi). Das ekelt mich auch irgendwie an. Ich kam mir vor wie einer dieser fetten Menschen, deren Hobby es ist, Unmengen an Lebensmittel zu sich zu nehmen und so ihrer Gesundheit schaden. Denn meist essen sie ungesunde Sachen, Fertigprodukte, Fettiges… Mein Körper veränderte sich. Er ging etwas in die Breite. Was für mich ein utopisches Ausmaß war, war für alle anderen nur eine kleine Veränderung. Dann wurde ich eben ein bisschen schammiger – fraulicher, wie meine Mutter und meine Tante meinten. (Ich mag beide nicht.) >>Fraulicher<< Ernsthaft?! Zerstört nur weiterhin mein Selbstbild, indem ihr mir sagt, dass ich vorher nicht ansatzweise fraulich war!

Naja, ich glaube so bekam ich dann diesen ungesunden Bezug zu Essen. Nämlich dass es mich phasenweise richtig anekelte. In solchen Phasen konnte ich nur Joghurt mit Früchten essen oder Salat. Mittlerweile graut es mir sogar davor… Es wird irgendwie immer schlimmer. Mein Magen rebelliert mit heftigen Grummeln; mein Körper mit Kreislaufproblemen. Ich werde mir morgen endlich ein Herz fassen und meinen Arzt auf diese eigenwillige Essstörung ansprechen. Ich möchte nicht, dass sie sich weiter vertieft oder sich in irgendeiner Richtung (Magersucht, Bulimie) ausprägt. 

[Warum ich diesen Beitrag so spät veröffentliche? Ich kann nicht schlafen. Und der traurige Grund ist: mein Kater liegt nicht neben mir im Bett. Ich habe keine Pfote, an der ich mich festhalten kann. Ich habe kein leises Schnurren, was mich an das Knistern bei Schallplatten erinnert. Und, irgendwie dachte ich, dass es bei dem vorherigen Beitrag für heute – äh gestern – bleibt. Doch dann las ich Vee’s neusten Beitrag und war irgendwie beim Thema Essen hängengeblieben. Und erinnerte mich an mein scheiß Problem damit.]

Gefundenes Fressen 

Mein grippaler Infekt ist ein gefundenes Fressen für meinen Seelenkrebs. 

Wir sind wieder zu Hause, wandern zwischen Bett und Sofa umher. Wir leiden und baden in Selbstmitleid. Wir gucken Serien, weil wir zu mehr nicht im Stande sind… Alles etwas, was mein Seelenkrebs kennt und mag. 

Doch mit fällt die Decke auf den Kopf. Ich brauche Ablenkung. Ich sehne mich nach der Arbeit im Salon, die mich teilweise überfordert und ermüdet, weil so ein Arbeitstag für mich doch anstrengend ist. (Immer lächeln, höflich sein, Wünsche von den Augen ablesen, Leistung bringen…) 

Ich gestehe hiermit offiziell ein: ich bin lieber ein wenig überfordert, als zu Hause vor mich hin zu oxidieren. 

Gestern war mir beispielsweise so langweilig, dass ich an meinem Modellkopf >>Tiffany<< das Haare abtrennen (A- und B-Achse + Hutlinie) geübt und einige Frisuren ausprobiert hatte. Es ging mir ganz gut. Der Husten ist kaum noch da, nur dieser kleine nervige Schnupfen will nicht von mir los. Dennoch fühlte ich mich produktiv genug, um Tiffany zu bearbeiten. Ja, danach war ich müde. Und bin auch wieder zeitig ins Bett gegangen. Aber ich hatte einen kleinen Energieschub und konnte etwas machen. Ich lag eben nicht einfach nur dumm rum und staffierte, wie meine Fellnasen den Raum aus. 

Heute merke ich, dass das meinem Seelenkrebs so gar nicht gefallen hat. Er fühlt sich bereits wieder heimisch auf Sofa und Bett. Er möchte den lieben langen Tag Serien gucken. Dabei soll ich mich natürlich nicht so pudelwohl fühlen wie er, also schickt er mir die Traurigkeit. Er gibt mir ein Gefühl, was ich nur zu gut kenne und verwendet es gegen meine Produktivität. 

>>Lass uns leiden<<, flüstert er. 

Er will nicht, dass ich raus gehe. Von Arbeit hält er noch weniger. Wozu gibt es denn Krankengeld oder Frührente? Ich möchte, dass ich mich ihm voll und ganz hingebe, ohne gegen ihn in irgendeiner Weise anzukämpfen. Er fühlt sich vernachlässigt. Nicht beachtet, wo ich ihn doch mit allen Mitteln zu ignorieren versuche. Er fühlt sich verstoßen, weil ich ihn nicht mehr erlaube, mich eine Zeit lang >>schach-matt<< zu setzen. Das ging, als ich noch arbeitsunfähig war. Das ging, als meine Ausbildung noch nicht begonnen hatte. Aber es geht jetzt nicht mehr. Jetzt muss ich funktionieren, um meine neue Chance nutzen zu können. 

Doch dem Seelenkrebs gefällt es ziemlich gut, dass wir wieder die Wohnung hüten. Das Sofa und das Bett. Und dem Fernseher ganz viel Beachtung schenken. Er mag es, wenn ich mich schlecht fühle und grundlos und urplötzlich anfange zu weine. Also lässt er mich auch heute leiden. Er pflanzt Traurigkeit in mein Herz und Dunkelheit in meine Gedanken. Er hüllt mich in Müdigkeit ein, wie in eine Decke. Macht meine Glieder schwer und träge, sodass ich mich schwach fühle. Er wischt die Produktivität und die Energie aus meinem Körper, als wären sie hässliche Flecken auf dem Fliesenspiegel. 

Und schon liege ich schwach, müde und verletzlich im Bett. Schreibe diesen Beitrag und weiß, dass, sobald ich mein Handy weg lege, für ein paar Stunden schlafen werde. Und, das wenn ich aufwache, ich mich heute nicht besser fühlen werde. 

Stigmatisierung 

Wieso schreiben Vee und ich – und viel andere auch – anonym? Wieso verstecken wir uns hinter dieser Anonymität? 
Wieso fällt es uns so schwer, unsere Narben in der Öffentlichkeit zu zeigen? Wieso schämen wir uns dafür und haben Angst vor den Blicken und davor, was fremde Menschen – die uns doch gleichgültig sein sollten – über uns und unsere Narben denken? 

Wieso fällt es uns so schwer zuzugeben, dass wir an Seelenkrebs erkrankt sind? Ist es doch auch nur eine Form von Krebs, der uns von Innen heraus zerfrisst. 

Wieso fürchten wir uns so sehr, wir selbst zu sein? Uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind: verletzlich. Und mit Sicherheit voller Fehler, doch die haben gesunde Menschen auch. Sie tun nur oftmals so, als seien sie perfekt. 

>>Psychisch Erkrankte sind die sensibelsten und feinfühligsten Menschen in diesem Universum. Und zugleich die Stärksten, da die täglich Dinge ertragen, an denen andere zerbrechen würden. Und, weil sie die Fähigkeit haben, zu überleben! <<

Es ist die Stigmatisierung

Psychisch erkrankte Menschen bekommen von der Gesellschaft ein Branding aufgedrückt, damit ein jeder sie erkennt und ächten kann. Betroffene werden an den Pranger gestellt und anschließend diskriminiert, denunziert, verdammt. Denn für die Gesellschaft sind Betroffene eine Bedrohung ihrer trägen Gleichheit und Fadheit. Früher, besessen von Dämonen. Heute lauter Wahnsinnige, die sich fanatisch irgendwelche Dinge einreden. Und irgendwo am Rande steht ein Kreuzträger und jemand mit einer Heugabel, und beide brüllen: >>Blasphemie!<<

Die Frage ist doch: Wieso werden Betroffene geächtet, gebrandmarkt, verspottet und verhöhnt? Wieso stellt man uns an den Pranger und zeigt mit den Fingern auf uns? Wieso sind wir plötzlich nichts mehr wert, dass sogar Freunde, die uns eigentlich zur Seite stehen sollten, uns plötzlich meiden, als würden wir an einer ansteckenden Krankheiten leiden? 

Ein jeder hat Vorteile. Doch keiner nimmt sich die Zeit, die Wahrheit heraus zu finden. Keiner nimmt sich die Zeit, den Menschen kennen zu lernen. Sie alle sehen nur den Seelenkrebs und betrachten ihn als eigenständige Person. (So fragte man mich auch einst, wie es denn meiner Depression geht.) Das ist falsch! 

Ja, der Seelenkrebs bestimmt zum größten Teil unser Leben. Aber wird sind trotzdem mehr als das! 

Jennifer Lawrence sagte einmal:

>>Es ist einfach so bizarr in dieser Welt. Wenn man Asthma hat, nimmt man Medikamente gegen Asthma. Wenn man Diabetes hat, nimmt man Medikamente gegen Diabetes. 

Doch sobald man Medizin für die Psyche nimmt, ist man stigmatisiert.<<

Ich frage mich ebenfalls, warum das so ist. Wir sind nicht weniger wert, als ein körperlich, geistig und psychisch gesunder Mensch! Liegt das Problem wirklich bei uns? Oder doch bei den Menschen, die uns ächten, als seien wir ein schlimmer Parasit? 

Fakt ist, die Stigmatisierung bestimmt das Leben der Betroffenen ebenso sehr, wie der Seelenkrebs selbst!

Viele suchen keine professionelle Hilfe auf, aus Angst, jemand könnte dies mitbekommen und sie (vor-)verurteilen. Sie haben Angst, sich selbst einzugestehen, dass sie psychisch krank sind, weil die Gesellschaft seit jeher schlecht über psychische Krankheiten gesprochen hat. Wer möchte schon ein Wahnsinniger sein, ein Psychopath, eine durchgeknallte alte ohne Selbstbewusstsein? Wer lässt sich schon gerne unterstellen, dass er seine Krankheit erfindet, der bloßen Aufmerksamkeitshascherei wegen? Wer lässt sich schon gerne sagen, dass alles nur in seinem Kopf stattfindet und er in Wirklichkeit gar nicht krank ist? 

Außenstehende, ihr verschlimmert so unseren Zustand! Durch das Nichtzuhören, das Ächten, das Verurteilen, das Ausgrenzen und Verspotten. 

Nicht nur der Seelenkrebs macht Betroffene einsam. Die Stigmatisierung tut es ebenso! 

Wenn ich früher auf die Straße ging, dachte ich immer, die Leute würden mir ansehen, dass ich psychisch krank bin. Ich stellte mir immer vor, wie über meinem Kopf eine imaginere Werbetafel schwebte, auf die sämtliche meiner Diagnosen gedruckt waren. Denn ich hatte stets das Gefühl, dass alle mich anstarren und bewerteten. Meine ungekämmten Haare, die ich irgendwie zusammen gefriemelt hatte; das dazu so gar nicht passende dick aufgetragene Makeup – welches meinen Selbsthass in Zaum halten sollte; die lange Hose im Hochsommer – zum Teil noch eine Strickjacke drüber, immerhin waren an den Armen ja auch Wunden. Die Fingernägel, die sich in meine Hände bohrten; wie ich meine Kiefer aufeinander presste und irgendwann total verkrampfte. Ich konnte auch eine Zeit lang keinen Blickkontakt aufbauen, geschweige denn ihm standhalten. Ich hasste es, wenn jemand hinter mir stand oder mich flüchtig berührte. Sofort brach ich innerlich in Panik aus. Ich zitterte, wenn ich bezahlen wollte. Das alles sahen sie und bewerteten es. Und kamen schließlich zu dem Entschluss, dass ich total durchgeknallt sein muss. 

Ich habe sehr sehr lange gebraucht, wieder kurze Hosen anzuziehen und die Strickjacke weg zu lassen. Denn ich hatte so Angst, entsetzliche Angst, vor ihren Blick und ihren Gedanken. Ich war dem nicht annähernd gewachsen. Ich schämte mich für meine Selbstverletzungen. Ich konnte sie nicht einmal meinem Therapeuten zeigen. Ich schämte mich dafür, krank zu sein, da ich wusste, wie schlecht die Gesellschaft über psychische Krankheiten denkt. Ich schämte mich für meine Gedanken und Gefühle. Und mein Therapeut beteuerte immer wieder, dass es da nichts gibt, wofür ich mich schämen brauche. Doch das sagt sich so leicht… 

Wie würde es euch gehen, wenn es euch in einer verstörenden Weise befriedigen würde, in eure Haut zu schneiden? Und wie würde es euch gehen, wenn der Tod nach euch ruft – wieder und wieder? Aber ein Teil von euch einfach nach dem Leben schreit. Wie würdet ihr mit heftigen Stimmungsschwankungen umgehen (und nein, die von Schwangeren sind nicht mit unseren zu vergleichen!)? Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr nicht mehr wütend werden würdet, sondern sofort beim Hass landet und den Verursacher ernsthaft weh tun /verletzen wollt? Wie soll man sich da nicht selbst bestrafen wollen? Wie soll man da nicht denken, dass etwas mit einem nicht stimmt. 

Der ersten der ich von meinen Suizidgedanken erzählt hatte, war meine Schwester. Sie begleitete mich sogar mal mit zur Therapie. (Meine Eltern erfuhren es eher >>ausversehen<<. Eigentlich hatte ich nicht vor gehabt, es ihnen zu sagen. Mittlerweile bin ich jedoch froh, es ihn irgendwie damit zurück zahlen zu können – sie dafür bestrafen zu können, dass sie und andere auch meine Seele zerstört haben.) Später vertraute ich mich Freunden an. Viele wandten sich ab. Einige versuchten es mit dummen Ratschlägen wie >>mit positiven Denken kommst du da schon wieder raus<<. Doch die meisten verschwanden von der Bildfläche oder diagnostizierten sich plötzlich selbst Depression, als sei es irgendein neuer Trend. (Ich hoffe ihr spürt meine Verachtung für ein solches Denken.) 

Konsequenzen der Stigmatisierung:

A) Betroffenen suchen sich aus Angst vor Stigmatisierung keine Hilfe, können die Krankheit aber selbst nicht Händen – die aufgenommen Reize überfluten sie, sodass ihnen irgendwann alles zu viel wird und sie den Freitod wählen – frei von sich selbst, seinen Gefühlen und Gedanken (der Betroffene verlässt in erster Linie sich selbst, nicht Freunde oder Familie – er hatte schlicht und ergreifend einfach nicht mehr die Kraft, gegen sich selbst zu kämpfen!) 

B) Der Betroffene wird ständig mit der Stigmatisierung konfrontiert, sein Therapeuten schafft es nicht ihn diesbezüglich das benötigte Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu geben. Die Stigmatisierung grenzt ihn immer mehr von seinem sozialen Umfeld ab, lässt ihn vereinsamen. Der Gebrandmarkte ist nun völlig allein und der Seelenkrebs kann weiter wuchern. Je mehr Input er durch die Stigmatisierung bekommt, desto größer und gefräßiger wird dieser kleine Nimmersatt. Auch hier ist die Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuchs groß, der womöglich in einem Suizid enden könnte. 

C) Stigmatisierung ist wie Mobbing auf höchstem Niveau. Das Opfer verliert mehr und mehr seines Selbstbewusstsein. Nimmt die Kritik an und will sich am Ende selbst zerstören, weil es sich für absolut wertlos hält und glaubt, keine Daseinsberechtigung zu haben. Folge: Suizid/ -versuch. 

Bewegt es etwas in euch, sowas zu lesen? Wenn ja, dann wacht endlich aus eurem Dornröschenschlaf auf und handelt entsprechend! 

Es ist wichtig über psychische Krankheiten zu sprechen! Es ist wichtig, darüber aufzuklären! Es ist wichtig die Gesellschaft zu desensibilisieren! Es ist wichtig, dass Betroffene endlich als Teil der Gesellschaft und noch viel wichtiger, als Mensch mit Gefühlen angesehen wird! Ist ist wichtig, dass wir endlich einander helfen! 

Mittlerweile gehe ich auf Konfrontationskurs. Ich zeige meine Narben am Oberschenkel – ich verstecke die im Sommer nicht mehr hinter langen Hosen. Ich rede über meinen Seelenkrebs. 

Und doch, ironischerweise, will ein Teil in mir mich immer wieder für diese Offenheit und Ehrlichkeit bestrafen. Dieser Teil weiß, wie oft ich bereits verletzt wurde. Und er möchte mich beschützen. 

Trotzdem gebe ich nicht auf. Trotzdem rede ich darüber. Wenn auch erstmal nur anonym in einem Blog, damit ich mich für meinen quaselstrippigen Mund und das anschließende schlechte Gewissen nicht bestrafen muss. 

Medikamentenumstellung


Seit Freitag nehme ich meine Antidepressiva nicht mehr. Denn mein Arzt hat mir ein neues Medikament verschrieben. Eins, gegen Panikstörungen. Immerhin beherrscht die Panik gerade etwas mehr mein Leben. Ich bekam kleine Panikattacken vor der Arbeit und in der Berufsschule. Ich bekomme Panikattacken in öffentlichen Verkehrsmitteln… 

Wir vereinbarten, dass ich die Antidepressiva langsam absetze. Dass ich wieder bloß 20mg nehme, statt der 40mg. Langsam ausklingen lassen. Dann zwei Tage warten. Anschließend das neue Medikament einnehmen (50mg).

Der zweite Tag ist fast vorbei. Und ich kann jetzt schon sagen: es killt mich! 

Mir geht es jetzt so beschissen, als hätte ich seit Wochen oder Monaten keine Antidepressiva mehr genommen. Meine Welt bricht wieder mit einem Mal zusammen. Ich falle und falle und schlage irgendwann so hart auf, dass meine Knochen zerschmettern und ich das Gefühl habe, das meine Eingeweide aus meinem Leib springen wollen. Nur das meine körperliche Hülle sie davon abhält. Verzweifelt weine ich und schreie, ohne dabei einen Laut von mir zu geben. Ich will sterben und gleichzeitig leben. Und fühle mich so entsetzlich wertlos und unbedeutend. Ich will mich schneiden, um mich für diese Gedanken zu strafen und um mich irgendwie da raus zu reißen. Ich hasse dieses Gefühl! Dieses Gefühl, dass das ganze Universum auf mich einschlägt. Milliarden von Fäusten oder noch mehr. 

Es wird nie ein Ende haben. Ich weiß, dass immer wieder ein Tief kommen wird. Und trotzdem bin ich nie darauf vorbereitet. Dennoch breche ich jedes Mal zusammen und habe das Gefühl, als wäre es das erste Mal. (Ich habe leider keine Worte um euch zu beschreiben, wie schlimm es für mich ist. Ich glaube ihr würdet es verstehen, wenn ihr mich sehen würdet – in meiner ganzen Verletzlichkeit; so tief am Boden.) 

Ich hatte vorhin eine Panikattacke in einem Heulkrampf. Es war einfach zu viel. Und ich hatte das Gefühl, kurz vor einem Asthmaanfall zu stehen. (Ich habe einen grippalen Infekt, der sich schon sehr auf mein Asthma legt. Immer, wenn ich huste glaube ich, dass ich ausversehen meine Lunge mit aushuste.) Mir war so übel, beim husten hatte ich das Gefühl zu ersticken. Hinzu kamen diese überwältigenden negativen Gefühle und dieses verzweifelte weinen. Ich musste mich dann zum Erbrechen bringen, weil ich wusste, dass ich nur so da raus komme oder mich verletzen (ritzen) müsste. Also wählte ich das geringere Übel…

Vee sagt, dass dies ebenfalls SSV (Selbstverletzendes Verhalten) wäre. Für mich ist und bleibt es jedoch das kleinere Übel. Mich zu schneiden hat für mich einfach ein größeres Gewicht. Vielleicht weil ich dann das ganze Blut sehe. Weil ich den tiefen Schnitt sehe. Weil ich weiß, dass es sich entzünden könnte, wenn ich die Wunden nicht steril halte und pflege. Auch, wenn ich wirklich nicht stolz darauf bin, dass ich mich zum Erbrechen gebracht habe. Das ich es in dem Moment brauchte, rechtfertigt es genauso wenig, wie wenn ich mich geschnitten hätte und anschließend diesen Spruch verwendet hätte… 

Ich habe eine Tavor genommen. Und hoffe, dass ich mich langsam beruhige und schlafen gehen kann. Ich habe ebenfalls mein Notfallspray genommen. Dennoch tanzt ein fettes Nilpferd den irischen Steptanz auf meiner Lunge. 

Gedankenleser mit Wundermittel

Ich betrat gestern das Besprechungszimmer meines Arztes und lächelte. Es war ein Lächeln, was ihn folgendes sagen ließ: >>Es geht ihnen wieder schlechter. Nicht war?<<

Dafür liebe ich ihn! Er liest zwischen den Zeilen. Nicht ein einziger Therapeuten, mit dem ich bisher zusammen arbeiten musste – äh gearbeitet habe –  hat mich binnen drei Sekunden durchschaut. Keiner! Jemals

Dr. M könnte ich niemals etwas vormachen. Bei Dr. M brauch ich nicht erst erzählen, dass es mir schlecht geht – er weiß es ja bereits. Er sieht es in meinen Augen, oder so. Und genauso jemanden brauche ich. Jemand, der sofort meine Stimmung im Raum spürt, wenn ich ihn betrete. Der nicht nur meine Maske sieht, hinter der ich mich verstecke und sagen kann: >>Alles halb so wild, ich warte geduldig drei Stunden auf die Psychiaterin. So schlimm ist es nicht.<< Und am Ende: >>Sie können mir nicht sagen, wann sie kommt? Okay, dann gehe ich jetzt. Ich komme sicher auch so klar.<<

Ein Dr. M hätte mich nie gehen lassen. Er hätte mir gesagt, dass meine Augen und das aufgesetzte Lächeln etwas anderes sagen. 

Ich habe neue Medikamente bekommen: eins gegen meine Panikstörung, die grade die depressive Episode fett füttert und sie anschließend als Sonntahsbraten in den Ofen schieben will und ein Beruhigungsmittel (Tabletten: Tavor) für den Notfall. 

Der Notfall ist selbstverständlich ein weiterer Tag Berufsschule! 

Heute morgen war mir wieder speihübel. Ich fühlte mich zu krank, um das Bett zu verlassen. Als ich es dann endlich doch aus dem Bett geschafft hatte, vibrierte ich von innen heraus wieder. Und meine Hände begannen zu zittern. Ein Zeichen der Nervosität. Ich dachte mir, dass ich jetzt schleunigst eine Tavor einschmeißen sollte, bevor ich mich übergeben muss und noch auf die dumme Idee kommen würde zu kneifen. 

>>Vermeidung ist Nährboden für eden Seelenkrebs.<<

Diese kleine Tavor ist ein wahres Wundermittel. Es treten keine Nebenwirkungen auf. Man fühlt sich nicht benebelt oder benommen. Man wird auf eine komische Art ruhig. Ich weiß nicht recht, wie ich es beschreiben soll. Man ist nicht innerlich total entspannt oder ausgeglichen. Die Panik und Angst verschwindet einfach. Ich hatte nicht mehr diese Hemmungen, mich mit den Mädels die vor mir sitzen anzufreunden. Ich wollte nicht mehr aus dem Raum fliehen. Es war okay, mit so vielen Leuten um mich herum. Ich fühlte mich nicht mehr eingepfärcht. Es war einfach alles okay. 

Ohne meine kleine Wunderpille, hatte ich mir wieder unendlich viele Sorgen gemacht. Ich hatte mich in meine Panik rein gesteigert und sie hätte mir in aller Ruhe erklären können, wieso wir diese Situation nie wieder durchleiden sollten. Und ich hätte zugestimmt. 

So, hatte ich einen halbwegs erträglichen Tag (Schule eben) und keine Panikattacke, durch die ich mich hätte übergeben müssen. 

Dieser Schultag war Dank Dr. M und Tavor erträglicher geworden, leichter zu überstehen und nicht mehr so unangenehm gewesen, wie der erste Tag. 

Ätsch, soziale Angststörung. Und ätsch, Panikstörung. 

>>Tavor ist meine Rüstung. Tavor ist mein Schild. Es ummantelt das Schwert, mit dem ich meine Gegner bekämpfe. Und lässt Angst und Panik fließen.<<

Erster Tag Berufsschule 

Ja – ich war aufgeregt. Und ja, ich fand es so richtig scheiße. Besonders, als sich der kleine Raum mit mehr und mehr Menschen füllte. Meine soziale Angststörung schlug Alarm: >>Rette sich wer kann!<<  Tja, ich könnte aber nunmal nicht. Ich musste bleiben und das Ding irgendwie durchziehen. Es wäre mir peinlich gewesen, am ersten Schultag gleich rauszurennen, weil mir schlecht war. Dann würden sich die anderen sicher das Maul über mich zerreißen. >>Ach, die ist ja zart beseitet.<< So etwas wollte ich nicht. Um nichts auf in der Welt! Gleichzeitig, wollte ich mich aber auch im Klassenraum nicht übergeben. Oder in Panik ausbrechen und losheulen, wie so eine kleine Heulsuse. Von jetzt auf gleich, ohne erkennbaren Grund. Also habe ich einfach jede Pause die Toilette aufgesucht. (Was tut man nicht alles für seinen nervösen Magen?) Meine Hände waren zittrig; auch innerlich hatte ich das Gefühl zu vibrieren vor lauter Anspannung. Doch äußerlich, schien ich ganz ruhig. Jedenfalls schien keiner meine Anspannung zu bemerken. Denn es sprach mich niemand (darauf) an. 

Dieses flaue Gefühl in meinem Magen ging nicht weg. Es hatte sich eingenistet und eingebettet und fühlte sich in meiner Magengrube so richtig wohl. Pudelwohl. Zu wohl! Die Panik stachelte sich ebenfalls weiter selbst an. Legte Holzscheite nach, damit das Feuer unter ihrem Hintern auch schön prächtig loderte. Und immer wieder drängte sie mich dazu, >>bitte melde dich<< zu spielen, um den Raum verlassen zu können zu können. Aber ich gab ihr nicht nach. Ich versuchte sie so gut es nur ging zu ignorieren. Nur nicht unangenehm auffallen oder bemerkbar machen. Einfach in der Masse verschwinden. 

In einer kurzen Pause war es dann soweit: ich hetzte im zügigen Laufschritt zu der Damentoilette. Während irgendein Monstrum meinen Körper krümmte – bereit, ausgespuckt zu werden und mit allen Vieren auf dem Boden vor mir zu landen. Und dann würde es mich anstarren. Wenn nicht gar angaffen. Dieses zottelige schwarze Wesen mit der Fratze im Gesicht und den leuchtenden Augen – meine Angst. Es war mir unangenehm, dass andere Mädchen auf der Toilette waren, während ich über der Kloschüssel hing. Ich versuchte, möglichst keine ekligen Geräusche zu machen. (Macht das mal, während ihr euch übergeben müsst. Es funktioniert nur mäßig.) Ich verließ die Toilette erst, als ich das Gefühl hatte, dass niemand außer mir noch da war. Und fast hätte ich geweint. Ich hätte mich so gern jemanden anvertraut. Aber keiner hätte es verstanden… Also schrieb ich Lia und Vee. Da sie die einzigen sind, die sich in meine Situation hineinversetzen und meine Gefühle verstehen können. Sie sprachen mir gut zu. Lia meinte, dass ich wirklich stark sein muss, wenn ich es trotz dieser enormen innerlich Anspannung geschafft habe, den Tag durchzuziehen. Das ging runter wie Öl. 

Es ging mir etwas besser, da das flaue Gefühl in meiner Magengrube zusammen mit meinem Mageninhalt das Klo runter gespült wurde. (Ich hatte frühs eine Tablette gegen Übelkeit genommen. Vomex. Erstens half sie nicht und zweitens, wurde sie ebenso fort gespült. Herzlichen Dank auch.) Dennoch, habe ich immer noch Angst vor der Berufsschule. Vor der Klasse mit den 28 Schülern. Vor den Aufgaben und Anforderungen. Das alles überfordert mich sofort! Ich versetze mich selbst zurück in die Berufsschulzeit als Rechtsanwaltsfachangestellte. Sehe mich, wie ich keine Leistung mehr bringen kann und nicht mehr hinterher komme. Versagensängste treten ein. Angst. Die Angst, es wieder nicht hinzubekommen. Da fühlt man sich sofort wieder als Versager. Ich bin nichts wert; ich bekomme nichts hin. Solche Gedanken kreisen in meinem Kopf herum. Und nein, ich kann sie nicht abstellen! Ich habe keine Kontrolle über meine Gedanken und Gefühle. Mein Seelenkrebs steuert sie. Leider… 

Einige meiner Klassenkameraden erscheinen mir durch ihr äußerer sympathisch. Der Rest, könnte meiner Meinung nach liebend gern verschwinden. (>>Los, löst euch in Luft auf und gebt mir Raum zum atmen!<<). Am Schlimmsten war die kurze Fahrt mit dem überfüllten Bus! Alle hatten verzerrte Gesichter für mich. Alle wirkten unförmig, aufdringlich, gehetzt, genervt auf mich. (Ich kann es einfach nicht wirklich in Worte fassen. Vielleicht ist das Bild unten treffend dafür, wie ich Menschen erlebe.) Sie engen mich mit ihrer Anwesenheit ein und ein Kloß setzt sich in meinem Hals fest. Auf meiner Brust tanzt ein Nilpferd Samba und winzige kleine Heuschrecken krabbeln über meinen Körper. Ich weiß, dass die einzige Möglichkeit nur die Flucht ist. Es gibt kein >>Durchhalten<<. Nicht länger, als unbedingt nötig! Und so bin ich froh, als ich aus dem Bus stürzen kann und mich ein Gefühl der Erleichterung durchflutet. 

>>Freiheit!<<, denke ich. 

Doch, wenn ich daran denke, dass ich morgen wieder dort hin muss – und nächste Woche; übernächste und so weiter – kehrt die Angst sofort zurück. Im Schlepptau die Überfordert, die Versagensängste und das flaue Gefühl, was sich wieder in meinem Magen einnistet. 

Ich merke, wie ich wieder weinen will. Nur für mich. Fernab von allen Blicken, an einem Ort, an dem ich >>ich<< sein kann. (Zu Hause, bei meinen Fellnasen.) 

Und jetzt sitze ich bei dem Arzt meines Vertrauens (Dr. M), mein Hausarzt. Und warte darauf, dass er etwas Zeit für mich hat. Denn ich brauche so dringend seine Hilfe! 

[Entschuldigt bitte, wenn der Text etwas verwirrend erscheint und vielleicht sogar Fehler drin sind oder er an manchen Stellen keinen Sinn ergibt. Aber dieser kurze Schultag hat mich so fertig gemacht, dass ich jetzt völlig ausgelaugt bin. Und ich keine Ahnung habe, wie ich morgen überstehen soll… Ich weiß nur eins zu 100%: Berufsschule ist schlimmer als arbeiten gehen! – Weil da einfach viel zu viele Menschen sind, die Druck aufbauen, weil man Leistung bringen soll… Ihr wisst vielleicht, wovon ich spreche. Ich will jetzt nur eins: schlafen und weinen und die Hilfe bekommen, die ich brauche!] 

Herzlichen willkommen im Tief

>>Herzlich willkommen im Tief<<, gratuliert man mir und drückt mir Blumen in die Hand. 

Ich habe es gewusst.  Ich habe es verflucht nochmal gewusst! Der Seelenkrebs schlägt immer in den unpassendsten Momenten zu. Besonders die depressiven Episoden. 

Ca. zwei Wochen vor Ausbildungsbegin (vielleicht auch drei) trafen Vorboten der depressiven Episode ein. Die unbegründete Angst vor Menschen – hauptsächlich vor Menschen auf engem Raum. Dieses plötzliche innerliche Zusammenbrechen. Die Selbstzweifel, der Selbsthass, Versagensängste, das Gefühl alles wäre zu viel… Und das Gefühl >>wertlos<< zu sein. Zu nichts zu gebrauchen, da ich es eh früher oder später verbocke. 

>>Du musst funktionieren!<< 

Eine depressive Episode, am Anfang der Ausbildung – No go! Ich verbiete mir es selbst, ein Tief zu bekommen! Also setzt der Verdrängungsmechanismus ein, um >>funktionieren<< zu können. Dass das eine ebenso dumme Idee ist, wie in den wirklich unpassendsten Momenten eine fucking depressive Episode zu bekommen, zeigt sich früher oder später. Denn dann brechen die Dämme… 

Etwas, was ich gestern aufgeschrieben habe, während meiner laaaaangen Wartezeit in der Notaufnahme: 

Heute war ich total überfordert, als ich am Modellkopf eine Dauerwelle mit bestimmter Wickeltechnik drehen sollte. Ich hatte es einfach irgendwie nicht so gut hinbekommen. Und verzweifelte. Ich war wirklich einfach schlicht weg überfordert. Sofort kam dieser Borderline Selbsthass auf, weil ich es einfach nicht hinbekommen hatte. Und nicht einmal wusste, wie ich es hinbekommen sollte. Als mir dann auch noch gesagt wurde, dass man den Spaß für die erste Zwischenprüfung braucht und dann auch noch die Dauerwelle innerhalb einer Dreiviertel Stunde fertig stellen musste, versagte mein Verstand. >>ERROR<< flackerte wie eine Leuchtreklametafel in meinem Kopf auf. Und sofort fühlte ich mich als Versagerin. Ich wollte weinen, mich verkriechen, schreien, mich selbst verletzen, mich umbringen weil ich zu nicht zu gebrauchen bin – alles auf einmal. Ich bin dann runter in den >>Waschkeller<< und habe still ein paar Tränen vergossen. Ich weine nicht in der Öffentlichkeit. Ich verbiete es mir. Zum einen, weil niemand merken soll, dass ich verletzlich bin. Zum anderen, weil ich als Kind meine Gefühle nie ausleben durfte. 

>>Du musst funktionieren!<<, ermahnte ich mich unterbewusst auch immer wieder selbst. 

Jetzt sitze ich in der Notaufnahme. Ich brauche irgendwas, um die kommenden Tage zu überstehen. Ich brauche etwas, um zu funktionieren. Denn ich kann jetzt nicht schlapp machen. Ich kann nicht versagen! Ich bin auf diese Ausbildung angewiesen – sie soll doch mein Neuanfang sein! Wie soll ich diesen denn schaffen, wenn meine Psyche mir einen Strich durch die Rechnung macht?! 

23:20 Uhr bin ich dann heulend aus dem Krankenhaus gestürmt und verzweifelt (und mit dem Gefühl mit meinen Sorgen allein gelassen zu werden) nach Hause gerannt. Denn keine konnte mir sagen, wann die Psychiaterin kommt, mit der ich reden konnte und mit der ich gemeinsam nach einer Lösung für mein Problem hätte suchen können (zB. neues Medikament – Beruhigungsmittel). Ich konnte nach drei Stunden einfach nicht mehr! Ich konnte mich nicht länger zusammen reißen. Ich war müde, nervlich am Ende, ko von dem Arbeitstag. Und ich wollte endlich zu meinen Fellkindern, die seit Zehn vor Elf alleine waren. Außerdem konnte ich mich nicht länger zusammen reißen – heißt: den anstehenden Heulkrampf unterdrücken. (So lange ich Ablenkung durch Vee, Lia und Butt – mein netter Mitazubi – hatte, ging es. Doch sobald ich das Handy weg legte, kullerten Krokodilstränen meine Wangen runter und tropften vom Kinn.  Und ich kann einfach nicht vor anderen weinen! Es geht einfach nicht! Ich kam mir entsetzlich dumm vor, so leise vor mich hin zu weinen, unter den Blicken fremder Menschen. Es war mir so unangenehm! 

Zu Hause konnte ich nicht mal meine Fellnasen begrüßen. Ich brach direkt hinter geschlossener Wohnungstür zusammen. Rutschte mit dem Rücken an der Tür entlang, stützte die Ellbogen auf die Knie, schlug mir mit den Fäusten gegen den Kopf, schluchzte laut und weinte hemmungslos. Das Ergebnis, wie bei fast jedem Heulkrampf: ein kleiner Asthmaanfall. Und ich musste mich diesmal sogar übergeben. 

Und nun ratet mal, was das erste war, was ich getan habe, als ich die Augen aufschlug… Wer jetzt auf >>weinen<< getippt hat, liegt vollkommen richtig. Ich weinte und fragte mich verzweifelt, wie ich es in den Salon schaffen soll. Und vor allem, wie ich so niedergeschlagen den heutigen Arbeitstag überstehen soll… 

>>Irgendwie… Funktioniere einfach  irgendwie! <<